Potsdam, 7. Mai 2012

 

Ein Loblied auf den Lehrauftrag als Abgesang auf die Vernunft

 

 

Von Sabine Volk und Evelyn Kauffenstein

 

 

Am 02.05.2012 erschien unter dem Titel „Lob des Lehrauftrags“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag von Daniel Hornuff, in dem er versucht, die öffentlich gewordene Kritik am Lehrauftrag und dessen prekarisierender Wirkung zurückzuweisen. Der Autor unternimmt es, die mit einem Lehrauftrag vermeintlich einhergehenden karrieristischen Chancen zu bewerben. In diesem Zusammenhang schreibt er: „Seit einigen Jahren ist es üblich geworden, Lehrbeauftragte als Null-Euro-Jobber und moderne Sklaven mit Doktorhut und ihre Situation als generell prekär und skandalös zu deuten. Vergleicht man die Medienberichterstattungen zum Thema ,Lehrauftrag‘ der letzten Jahre, fällt auf, dass permanent dieselben Dozenten auf den Plan treten. Sie haben sich darauf spezialisiert, aus tragisch verkorksten Berufs- und Lebenswegen Indizien für universitäre Ausbeutung und gezielte Verarmung des akademischen Personals abzuleiten. Als Lehrbeauftragte der Universitäten fühlen sie sich zugleich als Wehrbeauftragte der Moral. Sie wollen verteidigen, was ihnen ein vermeintlich entfremdendes Bildungssystem versagen möchte.“ Jenseits solcher Gesten der Marginalisierung, Diffamierung und Infantilisierung von Betroffenen und Kritiker*innen findet sich bei Hornuff hinsichtlich der sich formierenden Kritik am systematischen Missbrauch des Lehrauftrags kaum ein verifizierbares Gegenargument, auf das in einer Replik Bezug genommen werden könnte. Es bleibt beim Hinweis auf das doch eher private Vergnügen des Autors, sich die schlechte Lage umzudeuten in die „freie Existenz“ eines „souveränen“ Jungforschers. So lässt der Beitrag vermuten, dass zunächst weitere sachliche Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Themas „akademisches Prekariat“ im Allgemeinen und Lehrauftrag im Speziellen dringend vonnöten ist.

 

Zum realen Missbrauch des Lehrauftrags

 

Wissenschaftlich hinlänglich nachgewiesen und von gewerkschaftlicher Seite mehrfach bestätigt (Stichwort „Templiner Manifest“) sind folgende Tatbestände: Die sich aus der Unterfinanzierung der Hochschulen ergebenden Probleme bei der ausreichenden Abdeckung des Lehrbedarfs werden zunehmend auf dem Rücken von Lehrbeauftragten und sogenannten „akademischen Niedriglöhner“ ausgetragen, ohne deren „billige“ Arbeitskraft das Lehrangebot für die steigende Zahl der Studierenden längst nicht mehr abzusichern wäre. Ohne Lehrbeauftragte und Privatdozent*innen ist der universitäre Betrieb nicht aufrecht zu erhalten. Zudem sorgen sie für eine forschungsnahe Vielfalt in der Lehre.

Die Personalkategorie „Lehrbeauftragte“ war ursprünglich dafür vorgesehen – und ist gesetzlich bis heute so definiert –, das grundständige Lehrangebot dort zu ergänzen, wo Expertinnen und Experten aus der beruflichen Praxis gefragt sind. Als Beispiel sei hier die Beauftragung eines Richters genannt, der zur Bereicherung der Lehre neben der eigentlichen Berufsausübung zusätzlich an der Universität lehrt und dafür eine geringe Aufwandsentschädigung erhält. Der Lehrauftrag wird jedoch aufgrund der Überlastung des festangestellten Personals, die aus der Unterfinanzierung einerseits und den hohen Studierendenzahlen andererseits resultiert, in zunehmendem Maße dazu missbraucht, das Lehrpflichtprogramm möglichst billig zu bestreiten. Dabei ist die Situation in den verschiedenen Fachbereichen, Instituten und Fakultäten sehr unterschiedlich, da der Anteil des Lehrangebots, der durch Lehraufträge bestritten wird, in hohem Maße divergiert. Diese Divergenz muss bei jeder Berechnung berücksichtigt werden, um die Verifizierbarkeit der Ergebnisse sowie die Validität der Argumente in der Diskussion um die Verbesserung der Lage der Lehrbeauftragten zu gewährleisten. Für alle Lehrbeauftragten jedoch gilt, dass sie trotz ihrer Lehrtätigkeit keine Mitglieder der Universität sind und somit weder ein Nutzungsrecht für die Bibliothek noch ein Wahlrecht noch beispielsweise einen Anspruch auf einen Kita-Platz in der Uni-Kita haben. Vor allem haben sie keine Planungssicherheit, da Lehraufträge nur semesterweise vergeben werden.

 

Appell an die Vernunft

 

Daniel Hornuff schreibt unter anderem mit darwinistischer Verve, dass die Unabhängigkeit des Lehrauftrags von all jenen als Gefahr begriffen werde, denen es an „Stärke zur Gestaltung der Unabhängigkeit“ mangele. Verschiedene wissenschaftliche Studien zeigen in durchaus nüchternerer Sprache, dass sich die schwierige Situation der „prekär Beschäftigten“ besonders negativ auf Menschen aus sozial benachteiligten Schichten sowie auf Frauen und insbesondere auf Mütter und Väter und deren Kinder auswirkt, das Thema „akademisches Prekariat“ mithin aufs Engste mit dem Thema Chancengleichheit verknüpft ist. Nicht nur die meisten Abiturient*innen, sondern auch die meisten Hochschulabsolvent*innen stammen in Deutschland aus wohlsituierten, akademisch geprägten Elternhäusern. Je „höher“ der akademische Abschluss, umso höher ist der prozentuale Anteil von Wissenschaftler*innen aus sozial privilegierten Schichten. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse verstärken diese „soziale Schere“, da Menschen aus sozial benachteiligten Schichten finanzielle „Durststrecken“ auf dem Weg zur Promotion oder auch nach der Promotion schlechter überbrücken können. Der soziale Ausschluss erfolgt allerdings bereits meist vor der individuellen Entscheidung für eine wissenschaftliche Karriere, da von vornherein zu wenig finanzielle Sicherheit gegeben ist. In diesen Verhältnissen kann man als Universitätsanghöriger nun solidarisch agieren – oder sich wie der Kollege Hornuff als tougher Einzelkämpfer präsentieren.

Daniel Hornuffs „Loblied auf den Lehrauftrag“ endet mit den gönnerhaften Worten: „Den öffentlich alimentierten Anklägern des Lehrauftrags hingegen sei die Einsicht in ihre privilegierte Stellung empfohlen.“ Wie kann es zu solch unterschiedlichen Perspektiven auf ein und denselben Sachverhalt kommen? Vielleicht hängt es ja damit zusammen, dass nur ein Drittel des wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten aus Frauen besteht, wobei der Anteil mit steigendem Status der Stelle und Höhe der dafür notwendigen Qualifikation sinkt. Man stelle sich unter den aktuellen strukturellen Bedingungen nur mal eine Frau vor, die aus einer sozial benachteiligten Schicht ohne akademischen Hintergrund stammt, an einer Universität forschen und lehren möchte und womöglich noch auf den Gedanken kommt, Kinder in die Welt zu setzen. Ob sie es wohl schaffen wird, Einsicht in ihre privilegierte Stellung als Lehrbeauftragte zu gewinnen?

 

Evelyn Kauffenstein (Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin, Universität Hildesheim) & Sabine Volk (Politikwissenschaftlerin und Germanistin, Universität Potsdam)


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Kommentare: 1
  • #1

    Dr. Christine Teichmann (Dienstag, 08 Mai 2012 19:51)

    Vielen Dank für die rasche, fundierte und engagierte Reaktion auf die Veröffentlichung in der FAZ! – Vieles, was der Autor des Beitrages als Vorzüge eines Lehrauftrages darstellt, ist theoretisch richtig, fußt auf dem ursprünglichen Konzept der Lehrbeauftragung als „Arrondierung
    der Lehre“ durch etablierte Fachkräfte aus der Praxis, hat aber mit der aktuellen Realität an den meisten deutschen Hochschulen und der Situation der dort prekär beschäftigten Lehrbeauftragten nichts (mehr) zu tun! Ich würde Herrn Hornuff dringend empfehlen, einmal einen Blick in das Buch von Prof. H.-J. Reich „Die Rechtsverhältnisse der Lehrbeauftragten an den Hochschulen“ (ersch. 1986 und leider immer noch aktuell!) zu werfen. Und wenn ihm dies zu akademisch ist, dann: Christoph Hein „Weißkerns Nachlass“ ....

Die Intelligenzija engagiert sich kurzfristig für die Verbesserung der Situation des akademischen Prekariats, um es langfristig abzuschaffen!

 

Zum "akademischen Prekariat" zählen (neben vielen weiteren unterbezahlten und befristet beschäftigten Akademiker*innen in den verschiedensten Berufssparten) auch Wissenschaftler*innen, die ohne Angestelltenverhältnis und damit ohne soziale Absicherung oder zu inadäquaten (vertraglichen) Bedingungen unterbezahlt für eine Hochschule arbeiten. Dazu zählen insbesondere Lehrbeauftragte und Privatdozent*innen, aber auch alle unterbezahlten, überbelasteten und befristet beschäftigten Angestellten, die für die Universität arbeiten. Nach dieser Definition umfasst das akademische Prekariat in Deutschland über 90% der Lehrenden und Forschenden an den Hochschulen.

 

"Kein Hauch von 68. Ein zweistimmiger Versuch zur unlustigen / irrsinnigen / wahnwitzigen Lage an den deutschen Hochschulen."

Von Pierangelo Maset und Daniela Steinert, in: "Kultur & Gespenster" 13, Hamburg 2012

"Heute an einer Hochschule zu arbeiten heißt häufig, sich ununterbrochen mit Selbstmanagement zu befassen, gezwungen zu sein, zum Reputationssammler zu verkommen, und es heißt vor allem, Wissenschaft als vielseitiges Machtinstrument zu begreifen und zu reproduzieren. An einer Hochschule tätig zu sein kann mit anderen Worten bedeuten: Sich bei vorzeitigem Hirntod »auf hohem Niveau« selbst zu beobachten und diese Beobachtungen anderen so lange vorzutragen, bis sie etwas damit anfangen können. Heute an einer Hochschule zu studieren heißt, im universitären Assessment-Center unentwegt Gesten nachzuahmen, um das Ich-Kapital als einzigartig und optimierungsfähig auszuweisen.
In einer Masse von Studien- und Prüfungsleistungen untergehend, wird eigenständiges Denken mehr und mehr verdrängt vom Tunnelblick durch Zukunftsangst, und das Studium wird zum Auslese-Instrument für selbstzufriedene Eliten – angeleitet von einem hilflosen Wissenschaftspersonal." (P. Maset und D. Steinert)

K_G13-steinert-maset.pdf
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Ab Minute 5:22 befindet sich hier ein aktueller Beitrag des WDR über "akademische Billiglöhner" vom 21. April 2012:

 

www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/lokalzeit_dortmund.xml

 

Es ist schon eine ziemliche Impertinenz, immer wieder das vorgestrige Argument zu bemühen, Lehraufträge seien ein Zusatzangebot und nur für Interessierte gedacht, die sich von einer Hauptbeschäftigung kommend etwas dazu verdienen oder den Kontakt zur Wissenschaft erhalten wollten. Damit wird der Schwarze Peter immer den Lehrbeauftragten selbst zugeschoben: sie brauchen es ja nicht zu machen.

Das bleibt dann bei den Leuten hängen. Es müsste in den Medienbeiträgen wesentlich deutlicher herauskommen, dass hier ein strukturelles Defizit herrscht, so wie es der ZDF-Beitrag etwas besser gezeigt hat durch die Einblendungen der Zitate aus der Politik einerseits und der Erwähnung, dass heutzutage 80% der Lehre durch diese Konstellation abgedeckt wird, andererseits. Dieses 80 zu 20-Verhältnis müsste noch anschaulicher belegt werden, damit es nicht immer so aussieht, als wären es "nur" Einzelfälle, sondern klar wird, dass zigtausende WissenschaftlerInnen prekär leben, und sich Deutschland auf Kosten dieser Leute zum Wissenschaftsstandort stilisiert.