Prekariat & Chancengleichheit

Da sich die schwierige Situation der prekär Beschäftigten besonders negativ auf Menschen aus sozial benachteiligten Schichten sowie Frauen und insbesondere Mütter und Väter und deren Kinder auswirkt, sind wir der Überzeugung, dass das Thema „akademisches Prekariat“ mit dem der Chancengleichheit aufs Engste verknüpft ist.

 

Inhaltliche Überschneidungen lassen sich in folgenden Punkten finden:

 

- Ausgrenzung sozial benachteiligter Gruppen

Nicht nur die meisten AbiturientInnen, sondern auch die meisten HochschulabsolventInnen stammen aus wohlsituierten, akademisch geprägten Elternhäusern. Je „höher“ der akademische Abschluss, umso höher ist der prozentuale Anteil von WissenschaftlerInnen aus sozial privilegierten Schichten.

Die prekären Beschäftigungsverhältnisse verstärken diese „soziale Schere“, da Menschen aus sozial benachteiligten Schichten finanzielle „Durststrecken“ auf dem Weg zur Promotion (beispielsweise in der Bewerbungszeit um ein Stipendium, o.ä.) oder auch nach der Promotion schlechter überbrücken können. Der soziale Ausschluss erfolgt allerdings meist vor der individuellen Entscheidung für eine wissenschaftliche Karriere, da von vornherein zu wenig finanzielle Sicherheit geboten ist.

 

- Familienfeindlichkeit

Sehr wenige prekär beschäftigte AkademikerInnen haben Kinder und Familie. Aufgrund der mangelnden finanziellen Ressourcen, der mangelnden Planungssicherheit und der negativen psychosomatischen Folgen der belastenden beruflichen Situation, erachten es viele für unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen.

Ein Elternpaar in prekären Beschäftigungsverhältnissen – bzw. ein Alleinerziehender/eine Alleinerziehende in einem solchen – handelt gegenüber den eigenen Kindern „verantwortungsbewusster“, wenn Hartz IV bezogen wird, als bspw. Lehraufträge anzunehmen oder als PrivatdozentIn zu arbeiten. Teilweise sind Menschen dazu gezwungen, parallel zu ihrer prekären Lehrtätigkeit – auch während der Promotion – Hartz IV zu beziehen, um überleben zu können.

 

- Förderung von Abhängigkeitsverhältnissen

Die beschriebene Situation führt insofern zu Abhängigkeitsverhältnissen, als ein Mensch in einem prekären Beschäftigungsverhältnis mehr als jeder andere auf einen gut verdienenden Lebenspartner oder die Unterstützung der Eltern angewiesen ist, die finanzielle Notlagen überbrücken – bzw. dauerhaft einen finanziellen Ausgleich schaffen und die soziale Absicherung übernehmen.

 

- Verlängerung der Promotionszeiten aufgrund mangelnder Perspektiven für prekär beschäftigte DoktorandInnen – insbesondere von Müttern und Vätern

Aufgrund der Tatsache, dass prekär beschäftigte DoktorandInnen nach Abschluss ihrer Promotion ihren Status als PromotionsstudentInnen verlieren und damit keine Mitglieder der Universität mehr sind und das Nutzungsrecht der Bibliothek, das Semesterticket wie gegebenenfalls auch ihre Krankenversicherung, etc. verlieren, werden sie durch die schlechten strukturellen Bedingungen (insbesondere Mangel an beruflichen Perspektiven nach Abschluss der Promotion, da ihnen oftmals keine andere Perspektive als die des „Langzeitlehrbeauftragten“ geboten wird, um die wissenschaftliche Karriere fortzusetzen) mitunter dazu gezwungen, den Abschluss der Promotion hinauszuzögern. Im dem Fall, dass es sich um PromovendInnen handelt, die Mütter oder Väter sind, würde das Ende der Promotion und die damit einhergehende Exmatrikulation eventuell auch den Verlust des Kita-Platzes bedeuten – oder sogar den Verlust der Krankenversicherung des Kindes, das bei seinen Eltern mitversichert ist.