„Man redet umsonst von Gerechtigkeit, solange das größte der Schlachtschiffe nicht an der Stirn eines Ertrunkenen zerschellt ist.“  Paul Celan: Gegenlicht


An der Universität Potsdam wurde am 28.09.2011 ein neuer Präsident gewählt.

Was zudem noch dringend verändert werden muss, haben wir zusammen mit den GEW-Studis BRB und dem AStA der Uni Potsdam in einem Offenen Brief an die Präsidentschaftskandidaten zusammengefasst:

Potsdam, 08.09.2011

 

An den zukünftigen Präsidenten

 

der Universität Potsdam


 

Ihrem Selbstverständnis nach ist die Universität Potsdam „eine Hochschule im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne“. Weniger bekannt dagegen ist: Diese Hochschule hebt sich auch durch engagierte Studierende, Mitarbeiter*innen und Lehrkräfte hervor, die sich hochschulpolitisch einmischen, die nicht müde werden, Missstände anzuprangern und deren Ziel es ist, unerträgliche Zustände kooperativ und solidarisch mit aller Entschlossenheit zu verändern. Den öffentlich proklamierten Erfolgen der Universität Potsdam stehen insbesondere in der Lehre zahlreiche eklatante Schieflagen gegenüber. Mit umso größerer Spannung erwarten wir deshalb Ihre Ernennung und den darauf folgenden Amtsantritt an unserer Universität. Mit unserem offenen Brief möchten wir Sie schon vorab darüber in Kenntnis setzen, wie sich die momentane Situation für uns darstellt und wie wir sie gemeinsam dringend verändern müssen.

 

Die ohnehin fragwürdige Exzellenz in der Lehre basiert auf ausbeuterischen Verhältnissen in der Bezahlung von Lehrkräften. Befristete und damit unsichere Arbeitsverhältnisse sind die Regel und insbesondere der offiziell ausgeblendete aber strukturell sehr reale Missbrauch des Lehrauftrags führt zur Prekarisierung. Für eine eklatant geringe Aufwandsentschädigung tragen immer mehr prekär Beschäftigte unter enorm hohem Zeit- und Leistungsdruck einen signifikanten Teil der Lehre – ohne jegliches politisches Mitspracherecht, ohne jegliche Sicherheiten eines ordentlichen Vertrages, dafür aber zwangsläufig mit schweren psychosozialen Folgen. Dieser Entwicklung muss dringend Einhalt geboten werden, denn die negativen Auswirkungen betreffen Lehrende und Studierende gleichermaßen. Die Situation der prekär Beschäftigten muss kurzfristig verbessert werden. Langfristig müssen prekäre Arbeitsverhältnisse abgeschafft und durch adäquat entlohnte Stellen ersetzt werden.

 

Das Studium stellt sich für immer mehr Studierende als Verlängerung der Schule dar. Fremdbestimmt werden Stundenpläne von Computerprogrammen erstellt, es gibt kaum Auswahl bei Seminaren und Vorlesungen – die Studierenden werden zum Auswendiglernen und zum Schreiben von Klausuren in Massenabfertigung verdammt. Wir müssen dringend gemeinsam gegen das in der Universität mittlerweile selbstverständliche Bulimie-Lernen ankämpfen, um wieder mehr Freiraum für einen kreativen, kritischen Geist zu schaffen. Wir brauchen mehr Seminare, konstruktive Lehr- Lernmethoden, thematische Vielfalt, differenzierte Leistungserfassungsprozesse statt immer gleiche Reproduktion von Wissen.

 

Außerdem muss das Studium endlich an die Lebenswelt der Studierenden angepasst werden. Das Studium sei ein Vollzeitjob, hören wir seit Jahren von der Universitätsleitung. Ein großer Teil der Studierenden und Promovierenden muss aber neben der Arbeit an der Uni noch einem weiteren Job nachgehen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

 

Neben vielen weiteren Punkten, die hier genannt werden sollten, muss der offene Rechtsbruch, der durch die drohende Zwangsexmatrikulation tausender Diplom- und Magisterstudierender derzeit durch die Universitätsleitung geplant, argumentativ vertreten und weiter durchgeführt wird, Erwähnung finden. Eine Stellungnahme des zukünftigen Universitätspräsidenten zu diesem Sachverhalt ist unerlässlich. Wir fragen Sie daher: Treten Sie für die Rücknahme der Aufhebung des Prüfungsanspruches für Diplom, Magister und Staatsexamen ein? Werden also diese Studierenden weiter zurückgemeldet und nicht exmatrikuliert, so dass sie ihr Studium entsprechend der bei ihrer Immatrikulation mit der Universität vereinbarten Bedingungen abschließen können, unabhängig von rechtswidrigen Fristen?

 

Die genannten Missstände wurzeln nahezu alle in der chronischen Unterfinanzierung des brandenburgischen Bildungssystems, die durch die aktuell beschlossenen Kürzungen weiter vorangetrieben wird. Das Problem verschärft sich durch ein zunehmend neoliberalisiertes Verteilungsmodell, das einem gerechten Bildungssystem diametral zuwiderläuft. Deshalb möchten wir mit Ihnen gemeinsam die aktuellen Entwicklungen kritisch hinterfragen und Hochschule unter den Vorzeichen der Gerechtigkeit neu denken und verwirklichen. Unabdingbar dafür sind folgende konkrete, sofort umzusetzende Maßnahmen:

 

1. Die sofortige Verbesserung der Situation des akademischen Prekariats, insbesondere der Lehrbeauftragten und der Privatdozent*innen gemäß den Forderungen der IntelligenzijaPotsdam.

 

2. Eine öffentliche Stellungnahme des zukünftigen Präsidenten gegen die Zwangsexmatrikulation tausender Diplom- und Magister-Studierender.

 

3. Der Zugang zum Masterstudium muss allen Studierenden offen stehen.

 

4. Die Arbeitsbedingungen für studentische Beschäftigte müssen sich verbessern und die neuen Regelungen zum Teilzeitstudium müssen mit möglichst hoher Flexibilität umgesetzt werden.

 

5. Die Finanzierung der Universität muss verbessert werden, indem höhere Budgetfreigaben seitens des Landes Brandenburg und Zuwendungen des Bundes gemeinsam erkämpft werden. Die Diskussion um die Einführung von Studiengebühren oder Studienkonten als Antwort auf die geplanten Kürzungen halten wir für unsozial, unredlich sowie unsinnig und lehnen sie deshalb ab.

 

6. Letztlich gilt es, die marktförmige Dynamik innerhalb der Universität Potsdam und der Bildungsinstitutionen insgesamt abzuwenden, da sie einem humanistischen Bildungsideal diametral entgegensteht.

 

In Hamburg protestierten Rektoren und Studierende gemeinsam gegen Haushaltskürzungen. Wir würden auch gerne mit Ihnen gemeinsam für eine besser Bildung und gerechte Arbeits- und Studienbedingungen an der Universität Potsdam kämpfen. Sind Sie dazu bereit? Nutzen Sie die Chance und beziehen Sie noch vor der Anhörung im Senat Stellung zu den von uns angeführten Themen.

 

Mit hohen Erwartungen und freundlichen Grüßen

 

• Studierenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) BRB

 

• Intelligenzija Potsdam

 

• Studierendenparlament (StuPa) der Universität Potsdam

 

• Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) der Universität Potsdam

 

"Brandbrief an die Präsidentschaftskandidaten"

Offener Brief von Mitgliedern der Universität Potsdam kreidet prekäre Verhältnisse an"

Von Jan Kixmüller (PNN, 9.9.2011)

Hast Du Dich schon einmal gefragt:

 

Bin ich in jeden Kurs reingekommen, in den ich wollte?

 

Habe ich in allen Kursen einen Sitzplatz?

 

Kann ich mein Studium finanzieren?

 

Habe ich Zeit, Fragen und Interessen nachzugehen, die ich im Studium entwickle?

 

Werden meine Dozent*innen eigentlich adäquat bezahlt?

 

Brauche ich Pillen, um mein Studium zu bewältigen?

 

Ist mein Masterplatz sicher?

 

SPRICH JETZT! Nutze hierfür die 

Kommentarfunktion auf der SPRICH!-Seite!

 

Bildungsbericht der OECD (13.9.2011):

"Deutschland auf Platz 30 unter 36 Industrienationen"!

"Die Bildungsausgaben liegen in Deutschland nach internationalen OECD-Kriterien immer noch deutlich unter dem Schnitt der anderen Industrienationen. 1995 gab Deutschland 5,1 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. 2008 waren dies laut Bericht nur 4,9 Prozent. Der OECD-Schnitt lag in diesem Jahr bei 5,9 Prozent. Damit lag Deutschland auf Platz 30 unter 36 Industrienationen."

7.7.2011: PODIUMSDISKUSSION AN DER UNIVERSITÄT POTSDAM ZUM THEMA STUDIENGEBÜHREN

Presse:

"Heiliger Sachzwang" von Uli Jeschke

http://www.jungewelt.de/2011/07-09/030.php

"Schließung von Hochschulen befürchtet Heftige Kritik an den Sparplänen der Regierung" von Jana Haase

http://www.pnn.de/campus/508833/

"HOCHSCHULEN: Umschichten, zahlen oder dichtmachen.

Debatte über Uni-Finanzierung" von Rüdiger Braun

http://www.maerkischeallgemeine.de

BILDUNGSDESASTER IN BRANDENBURG


Lehrer*innenmangel, Unterrichtsausfall, Ausweitung des akademischen Prekariats, unterbezahlte und überbelastete Dozierende, überfüllte Seminare, Studierende, die unter Zeitmangel und Leistungsdruck leiden.


Die Antwort der rot-roten Landesregierung auf diese Bildungsmisere
lautet: Kürzungen von insgesamt 52 Millionen Euro bei Bildung und Wissenschaft. Im Wissenschaftsressort werden 27 Millionen Euro gestrichen.


Und was sagt das Präsidium der Universität Potsdam dazu?


Interims-Präsident Dr. Thomas Grünewald sprach kürzlich
öffentlich davon, dass man sich vom "ideologischen Dogma
kostenfreier Bildung" verabschieden müsse.


Lautet die Antwort des Präsidiums der Universität Potsdam auf das aktuelle Bildungsdesaster demnach etwa ... Studiengebühren?!


Anlässlich dieser Entwicklungen findet am Donnerstag, dem 7.7.2011, 16:00 Uhr, eine PODIUMSDISKUSSION im Audimax der Universität Potsdam (Neues Palais) statt.
Diskutieren werden: Dr. Thomas Grünewald (Interimspräsident), Prof. Dr. Franziska Birke, Prof. Dr. Manfred Görtemaker, Sabine Volk (Promotionsstudierende), Jan Loheit (Studierender), Sebastian Walter (Studierender)

Die Moderation übernimmt Tilmann Warnecke vom TAGESSPIEGEL.

Wir finden, dass es höchste Zeit ist, solidarisch zusammenzustehen, Präsenz zu zeigen und deutlich zu machen, was wir von diesen Entwicklungen halten!

Kommt zahlreich und lasst uns gemeinsam ein deutliches Zeichen setzen für das Menschenrecht auf freie Bildung - für Chancengleichheit in der Bildung -
und für ein kooperatives und solidarisches Miteinander der Lehrenden und Studierenden an der Universität Potsdam!

Die Podiumsdiskussion wird veranstaltet von: speakUP, der Studierendenzeitschrift der Uni-Potsdam und unterstützt vom AStA der Universität Potsdam und der Lehrenden- und Lernenden-Initiative www.intelligenzijapotsdam.de

Universität Potsdam:

EINFÜHRUNG VON STUDIENGEBÜHREN NUR NOCH EINE FRAGE DER ZEIT

"Vor dem Hintergrund der anstehenden Sparklausur im Landeshaushalt hat sich der geschäftsführende Präsident der größten brandenburgischen Hochschule für neue Wege der Studienfinanzierung ausgesprochen. Der derzeitige Präsident der Universität Potsdam, Thomas Grünewald, sagte, dass aufgrund der hohen Sparziele das ,ideologische Dogma' der kostenfreien Bildung überdacht werden müsse." (PNN vom 8. Juni 2011)

 

Nachzulesen unter:

http://www.pnn.de/campus/461147/

NICHT MIT UNS!

‎"Auch höhere Bildung muß als Menschenrecht allen gleichermaßen offen stehen. Menschen mit niedrigeren Einkommen haben jedoch einen schlechteren Zugang zu höherer Bildung. Die Erhebung von Studiengebühren verstärkt dieses Problem."

(Nur eines der wichtigsten Argumente GEGEN Studiengebühren!)

 

Nachzulesen unter:

http://www.abs-bund.de/argumente/

Deshalb: Gemeinsam für gerechte Bildungschancen!

Dieser Aufruf richtet sich an alle Mitmenschen, insbesondere Lehrende und Studierende, Schüler*innen, Eltern, Freunde und engagierte Menschen des Landes Brandenburg und darüber hinaus:

Wir finden, dass die Zeit gekommen ist, sich zusammenzuschließen – sich zu treffen, auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der ESSENTIELL ist, weil er das unveräußerliche Menschenrecht auf freie

Bildung und damit auf gerechte Lebenschancen betrifft. Lasst uns eine Einheit in der Vielfalt bilden und

GEGEN DIE EINFÜHRUNG VON STUDIENGEBÜHREN, GEGEN DIE AUSBEUTUNG DES WISSENSCHAFTLICHEN NACHWUCHSES UND FÜR EINEN FREIEN MASTERZUGANG eintreten!

UPDATE PETITION DER INTELLIGENZIJAPOTSDAM:

9. Mai 2011: Die brandenburgische Wissenschaftsministerin Sabine Kunst hat auf unsere Petition geantwortet.

"Lehraufträge dienen nach dem Sinn und Zweck des Brandenburgischen Hochschulgesetzes dazu, das Lehrangebot lediglich zu ergänzen.“

(Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Brandenburgische Wissenschaftsministerin, in ihrem Antwortschreiben vom 9. Mai 2011 zu unserer Forderung nach Erhöhung der Entlohnung von Lehraufträgen.)

"Es ist immer die Frage, mit welchen Mitteln man was im Detail voranbringen muss, sodass es sicherlich nicht an allen Ecken der Hochschulen ausgeschlossen ist, dass Lehrbeauftragte temporär für die grundständige Lehre eingesetzt werden. Es wäre nicht integer, etwas anderes zu behaupten."

(Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Brandenburgische Wissenschaftsministerin in der Plenarsitzung des Brandenburgischen Landtags vom 24. März 2011.)

Das Schreiben der Ministerin und weitere Informationen zum aktuellen Stand der Petition befinden sich unter der Rubrik "Petition".

UNSERE PETITION BEKOMMT ÜBERRASCHEND (K)EINE NEUE ADRESSATIN, DENN:

Uni-Präsidentin Kunst wird neue Wissenschaftsministerin in Brandenburg

Erwarten uns nun Studiengebühren und möglichst restriktive Master-Zulassungshürden?

"Seitenwechsel" (PNN vom 4. Februar 2011)

http://www.pnn.de/potsdam/371497/

Pressemitteilung der GEW-Studis Brandenburg zur Ernennung von Prof. Sabine Kunst zur neuen Wissenschaftsministerin:

12.01.2011: Brandenburger Landesregierung streicht erstmals auch bei Bildung

Link zum PNN-Artikel:

http://www.pnn.de

Statement der IntelligenzijaPotsdam:

Die beschlossenen Kürzungen der Landesregierung im Bildungssektor verschlechtern die zum Teil eh schon miserable Lage der Lehrenden und Studierenden an der Universität Potsdam drastisch. Dieses Vorgehen ist nicht nur ein Verrat an den Hochschulen dieses Landes, die dadurch im (internationalen) Wettbewerb weiter geschwächt werden, sondern vor allem auch an jedem einzelnen jungen Menschen, der sich für ein Studium in Brandenburg entschieden hat/entscheidet und sich dann in überfüllten Hörsälen - von unterbezahlten und überlasteten Lehrenden begleitet - auf sein Berufsleben vorbereiten darf. Das Signal, das von diesen Kürzungen ausgeht, ist in jeder Hinsicht ein Armutszeugnis für unser Land!

VETO!

Die Initiative lehnt es ab, dass Doktorand*innen eine eigene Statusgruppe bilden, die korporations- und arbeitsrechtlich „bei der Gruppe der Wissenschaftlichen Mitarbeiter angesiedelt ist“.

Denn solange Politik und Hochschulleitung keine flächendeckend ausreichenden Mittel für solche Stellen zur Verfügung stellen, würde sich damit die Chancenungleichheit der Nachwuchswissenschaftler*innen in den verschiedenen Fachbereichen weiter verstärken. Es gäbe keine Promotionsstudierenden ohne Stelle mehr und Professor*innen, die keine Doktorand*innen-Stellen finanzieren können, könnten keine Promotionsstudierenden mehr annehmen. Im Moment ist es so, dass Promotionsstudierende ohne Weiteres gleichzeitig Studierenden-Status und Mitarbeiter*innen-Status haben können.

Wenn es bei besagtem Vorschlag also tatsächlich um das Wohl der Doktorand*innen ginge, könnte man für diese ausreichend Stellen schaffen und sie könnten gleichzeitig ihren Promotionsstudierenden-Status bis zum Abschluss der Dissertation beibehalten.

IntelligenzijaPotsdam ruft zur Unterzeichnung des Templiner Manifests der GEW auf!

Link zum Templiner Manifest:

http://www.gew.de/Templiner_Manifest.html

Bekanntmachung der Initiative:

 

Die Initiative lehnt eine Erhöhung der Vergütung des einzelnen Lehrauftrags ab, wenn nicht gleichzeitig das Kontingent, aus welchem die Lehraufträge insgesamt bezahlt werden, prozentual entsprechend erhöht wird.  Denn wir wollen nicht, dass WENIGER Lehraufträge etwas besser vergütet werden.

 

Unsere Forderung lautet: Erhöhung der Vergütung des Lehrauftrags auf mindestens 1080 Euro/Semester, bei entsprechender Erhöhung des Budgets, das für die Vergütung der Lehraufträge insgesamt bereit gestellt wird.

UNSERE VERNETZUNG SCHREITET VORAN:

INTELLIGENZIJAPOTSDAM auf FACEBOOK!

Zwangskorsett für eine Ausgehungerte?

Weitere Einsparungen an der Universität Potsdam


Aus einer "Nachricht der Präsidentin" der Universität Potsdam vom 22. Juli 2010:

"Nunmehr und darueber hinaus hat die Landesregierung der Universitaet
Potsdam im Jahr 2010 einen Einsparbeitrag von 6,5 Mio. Euro abverlangt.
Das ist rechnerisch das Aequivalent zu 130 Stellen fuer Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter in Forschung und Lehre. Der Betrag ergibt sich aus einer
Haushaltssperre in Hoehe von 2 Mio. Euro und einer Entnahme aus der
Ruecklage in Hoehe von 4,5 Mio. Euro.
[...]
Die Konsequenz der Sparauflagen ist, dass alle Einrichtungen der
Universitaet Potsdam im laufenden Jahr Einsparungen erbringen muessen.
Da viele Ausgaben wie Personalkosten und Energiekosten gebunden und
nicht verminderbar sind, rechnen wir mit Kuerzungen bei den variablen
Posten bis zu 15 %. Auch der Personalhaushalt traegt in einer
realistischen Hoehe zu den Einsparungen bei."

Zur Situation an der Universität Potsdam

Wir wollen kurzfristig insbesondere die Situation der Lehrbeauftragten an der Universität Potsdam verbessern, da  diese, wenn sie überhaupt etwas für ihre Lehrtätigkeit gezahlt bekommen, mit einer Einmalzahlung von 504 Euro (bzw. 540 Euro im Wintersemester) für einen Kurs von 28 SWS (bzw. 30 SWS) und die zusätzlich anfallenden Vor- und Nachbereitungszeiten, Sprechstunden sowie Korrigier- und Prüfungszeiten, ebenso inadäquat wie unwürdig entlohnt werden.


Aufgrund der Unterfinanzierung der Universitäten wird das grundständige Lehrangebot auch an der Universität Potsdam zunehmend über Lehraufträge und akademische Niedriglöhner abgesichert.


Die Personalkategorie „Lehrbeauftragter“ war ursprünglich dafür vorgesehen – und ist gesetzlich bis heute so definiert – das grundständige Lehrangebot dort zu ergänzen, wo Expertinnen und Experten aus der beruflichen Praxis gefragt sind. (Als Beispiel sei hier das eines Richters genannt, der zur Bereicherung der Lehre neben der eigentlichen Berufsausübung zusätzlich an der Universität lehrt und dafür eine geringe Aufwandsentschädigung erhält.)  

Der Lehrauftrag wird jedoch aufgrund der Überlastung des festangestellten Personals, die aus der Unterfinanzierung einerseits und den hohen Studierendenzahlen andererseits resultiert, in zunehmendem Maße dazu missbraucht, das Lehrpflichtprogramm zu möglichst geringen Kosten zu bestreiten.

 Dabei ist die Situation an den verschiedenen Fakultäten, Instituten und Fachbereichen sehr unterschiedlich. Es gibt keine gesicherten Zahlen zur aktuellen Anzahl von Lehrbeauftragten und Lehraufträgen an der Universität Potsdam. Somit sind Zweifel an der Verifizierbarkeit des durchschnittlichen prozentualen Anteils von 9% des Lehrangebots, den Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam aktuell bestreiten sollen, mehr als berechtigt. Der Anteil des Lehrangebots, der durch Lehraufträge bestritten wird, divergiert zudem in hohem Maße in den verschiedenen Fachbereichen, Instituten und Fakultäten. Diese Divergenz muss bei jeder Berechnung berücksichtigt werden, um die Verifizierbarkeit der Ergebnisse sowie die Validität der Argumente in der Diskussion um die Verbesserung der Lage der Lehrbeauftragten zu gewährleisten. 


Lehrbeauftragte sind KEINE Mitglieder der Universität. Und haben somit unter anderem weder ein Nutzungsrecht für die Bibliothek, noch ein Wahlrecht, noch einen Anspruch auf einen Kita-Platz in der Uni-Kita. Zudem haben sie keine Planungssicherheit, da Lehraufträge nur semesterweise vergeben werden.


An der Universität Potsdam wird die Unterfinanzierung der Hochschule, wie auch an vielen anderen Universitäten, auf dem Rücken der Lehrbeauftragten und Niedriglöhner ausgetragen, ohne deren „billige“ Arbeitskraft das Lehrangebot für die Zahl der Studierenden nicht abzusichern wäre. Ohne Lehrbeauftragte und Privatdozenten wäre der universitäre Betrieb nicht aufrecht zu erhalten. Zudem sorgen sie für eine forschungsnahe Vielfalt in der Lehre.

Exzellente Lehre zu Dumpingpreisen

Offener Brief der Intelligenzija Potsdam, erschienen in "Forschung & Lehre", April 2010

 

Es gibt eine fortschrittliche, westliche Industrienation, im Herzen der Europäischen Union gelegen, deren Regierende immer wieder betonen, wie wichtig doch gerade die Bildung für die Zukunft ihres Landes sei. Die Parole „Gute Arbeit muss gut bezahlt werden“ geht einher mit der öffentlich geäußerten Überzeugung „Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft!“.

 

In diesem Land gibt es nun Universitäten, in welchen mithin die klügsten Köpfe der Nation zu Spitzenkräften verschiedenster Fachrichtungen ausgebildet werden sollen. „Exzellenz“ lautet die Devise. Ein Blick auf die Personalausstattung an deutschen Universitäten lässt erkennen: Die Anzahl der Beschäftigten in der Personalkategorie „Lehrbeauftragte“ ist seit 1999 laut Statistischem Bundesamt um fast 50 Prozent gestiegen, während die Anzahl der Professuren, bei gleichzeitigem Rückgang von (Fest-)Anstellungen im sogenannten „akademischen Mittelbau“, nahezu stagnierte. Ein Blick auf die Personalausstattung in Brandenburg wiederum  bestätigt diesen Trend nicht nur, sondern geht weit über ihn hinaus: Nachdem das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg an Brandenburgs Hochschulen 1999 noch 704 Lehrbeauftragte zählte, so waren es 2008 mit 1331 fast doppelt so viele. Die Universität Potsdam, deren Lehrbeauftragte wir aktuell sind,  konnte 1999 noch 253, im vergangenen Jahr 2009 dagegen 344 Lehrbeauftragte verzeichnen. Das ist nicht gerade ein verschwindend geringer Anteil, hält man dieser Zahl die der 219 Professorinnen und Professoren entgegen, die im selben Jahr an der Universität Potsdam lehrten und forschten. 

 

Für die Exzellenz in der Lehre, die ja so dringend gefordert wird, sind also – der Statistik nach – immer mehr Lehrbeauftragte zuständig, die in steigendem Maße auch das Pflichtlehrprogramm der Universitäten bestreiten. Das für sich genommen ist noch kein Skandal, auch wenn die Personalkategorie „Lehrbeauftragte“ ursprünglich dafür vorgesehen war, das grundständige Lehrangebot dort zu ergänzen, wo Expertinnen und Experten aus der beruflichen Praxis gefragt sind.

 

Wir wollen Ihnen am Beispiel des Instituts für Germanistik der Universität Potsdam illustrieren, in welcher Situation wir Lehrbeauftragten uns heute befinden: Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Potsdam erhalten für ein Proseminar, in dessen Rahmen sie sechs Monate lang an der Universität beschäftigt sind, eine einmalige Zahlung von 540 Euro. Inoffiziell sind mit dieser Einmalzahlung 30 Stunden Lehre im Semester, mindestens 15 reguläre Sprechstunden, Vor- und Nachbereitungszeiten sowie die Bewertung von Klausuren, mündlichen Prüfungen oder Hausarbeiten abgegolten. Offiziell bezahlt werden ausschließlich die 30 Lehrstunden. Die maximale Teilnehmerzahl für ein Proseminar sind 60 Studentinnen und Studenten. In einem Fach wie der Germanistik ist diese Zahl die Regel. Wagen wir uns nun daran, den offiziellen Stundenlohn für Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Potsdam zu errechnen und diesen mit dem inoffiziell tatsächlichen zu vergleichen. 

 

Das Ergebnis lautet: Der offizielle Stundenlohn beträgt 18 Euro pro abgehaltene Lehrstunde. Der inoffizielle Stundenlohn für die tatsächlich geleistete Arbeit liegt – mit Minimalaufwand gerechnet – bei 4,80 Euro pro Arbeitsstunde.

 

Wir Lehrbeauftragten erhalten somit für die exzellente Ausbildung der klügsten Köpfe unseres Landes sogar noch deutlich weniger als den gewerkschaftlich geforderten Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde. 

 

Wer sind wir, die wir uns so ausnutzen lassen? Wir sind Menschen mit hervorragenden Hochschulabschlüssen, ForscherInnen, WissenschaftlerInnen, viele von uns sind bereits promoviert. Manche von uns haben das „Glück“, aus wohlhabenden, akademisch geprägten Elternhäusern zu stammen, die die soziale Absicherung übernehmen; einige haben gut verdienende Ehepartner, die uns absichern oder wir können uns zumindest für eine gewisse Zeit durch das ein oder andere Stipendium finanzieren. Doch: Nicht wenige von uns sind auf das mickrige „Lehrbeauftragtengehalt“ angewiesen, viele leben von mehreren Lehraufträgen – die teilweise an verschiedenen Universitäten dieses Landes bestritten werden müssen – um auch nur einigermaßen überleben zu können. Die wenigsten von uns haben Familie. Wie sollten wir die auch ernähren? 

 

 

Die meisten von uns sind höchst qualifizierte und höchst engagierte heillose IdealistInnen. Nur deshalb kann diese Form der Ausbeutung überhaupt funktionieren. Wir lieben unseren „Beruf“, haben Spaß an der Lehre – auch wenn wir uns überwiegend nur vom positiven Feed-Back unserer Studentinnen und Studenten und der uns fördernden ProfessorInnen nähren können. Eines ist sicher: Wir alle wünschen uns feste Stellen an einer Universität, um unserem Beruf und unserer Berufung nachgehen zu können und dafür adäquat entlohnt und sozial abgesichert zu werden. 

 

 

Doch die Lage von uns Lehrbeauftragten an deutschen Universitäten, in unserem Fall an der Universität Potsdam, zeigt uns: Die „Bildungsrepublik“ Deutschland lässt ihre nachwachsende Intelligenz am ausgestreckten Arm verhungern. Wir, die wir uns höchst qualifiziert und höchst engagiert für die Absicherung der exzellenten Lehre in diesem Land einsetzen, sind nicht mehr lange gewillt und in der Lage, die unwürdige Entlohnung unserer Arbeit zu ertragen.