Es reicht!

 

Von Sabine Volk & Michael Bahn

 

Wenn wir mit unserem zweijährigen Engagement im Rahmen der IntelligenzijaPotsdam etwas hinlänglich bekannt machen konnten, dann dies: An der Universität Potsdam lehren schon seit vielen Jahren un(ter)bezahlte Lehrbeauftragte und Privatdozent*innen, ohne deren Arbeit der Lehrbetrieb zusammenbrechen würde. Die Kommentare der über 1200 Unterzeichner*innen unserer Petition, die wir dem Wissenschaftsministerium zusammen mit unseren Forderungen zugesandt haben, zeugen eindeutig davon, wie dringend verbesserungswürdig die Lehr- und Lernbedingungen an der Universität Potsdam zum großen Teil sind. Höchste Zeit, umfassend und wirkungsvoll in die Lehre zu investieren und der zunehmenden Prekarisierung ein Ende zu setzen. Das brandenburgische Wissenschaftsministerium scheint da anderer Meinung zu sein.

 

„Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es die Funktion von Lehrbeauftragten ist, das Angebot der Hochschulen sinnvoll zu ergänzen, und zwar dezidiert um Kenntnisse und Erfahrungen aus der beruflichen Praxis, um diese Erkenntnisse in die Lehre einfließen zu lassen. Sie sind also nicht dazu da, eine Grundversorgung zu gewährleisten. Sie sind von der Systematik nebenberufliches wissenschaftliches oder künstlerisches Personal - deswegen sind die Sätze so, wie sie sind - und gehen im Hauptberuf einer anderen Erwerbstätigkeit nach, zum Beispiel in der Gesellschaft, der Wirtschaft oder der Politik.“, sagt Frau Ministerin Kunst, auf unsere Petition und Initiative angesprochen, in einer Plenardebatte des brandenburgischen Landtags vom 24. März 2011. Auf Nachfrage fügt sie in Hinblick auf die Absicherung grundständiger Lehre durch Lehrbeauftragte hinzu: „Es ist immer die Frage, mit welchen Mitteln man was im Detail voranbringen muss, sodass es sicherlich nicht an allen Ecken der Hochschulen ausgeschlossen ist, dass Lehrbeauftragte temporär für die grundständige Lehre eingesetzt werden. Es wäre nicht integer, etwas anderes zu behaupten.“

 

Damit liefert die Ministerin zum einen ein eindeutiges Zugeständnis an die Notwendigkeit und Richtigkeit des Engagements unserer Initiative, zum anderen zeugt die darin zum Ausdruck kommende Untertreibung davon, dass der Wille nicht allzu stark ausgeprägt sein kann, den Lehrbeauftragten und anderen prekär Beschäftigten an der Universität Potsdam zu helfen. Vielmehr wird versucht, die seit Jahrzehnten existierende Ausbeutung zu bagatellisieren. Doch damit nicht genug: „Als Grundeinschätzung gilt, dass die Versorgung in Brandenburg gut ist, was den Bestand an festem Personal für die grundsätzlichen Aufgaben in Forschung und Lehre angeht. Lehraufträge zusätzlich zu übernehmen ist aber auch immer ein erster Karriereschritt. Insofern ist es ein zweischneidiges Schwert, zu entscheiden, an welcher Stelle man richtet und an welcher Stelle man sich auch im Sinne der Lehrbeauftragten wertschätzend Stundensätze noch einmal anschaut, sofern man es sich leisten kann. Das ist immer die Frage. Man kann jeden Euro nur einmal verteilen.“

 

Wie, bitte, kann denn Lehrbeauftragung gleichzeitig eine Nebentätigkeit und ein erster Karriereschritt sein? Die Widersprüchlichkeiten in den Ausführungen der Ministerin zeugen eindeutig davon, dass die gesetzlich definierte Funktion des Lehrauftrags nicht nur längst überholt ist, sondern dazu missbraucht wird, das Lehrangebot möglichst kostengünstig zu sichern. Zudem liefert sie eine Antwort darauf, warum sich so viele, insbesondere auch junge Doktorand*innen, als Lehrbeauftragte ausbeuten lassen: Sie hoffen mit der Übernahme eines Lehrauftrags auf eine wissenschaftliche Karriere.

 

Als Reaktion auf unsere Petition zur Verbesserung der Situation von Lehrenden und Studierenden an der Universität Potsdam haben wir von Seiten des brandenburgischen Wissenschaftsministeriums am 9. Mai 2011 ein vierseitiges Schreiben erhalten, welches uns in allen entscheidenden Forderungspunkten Absagen erteilt. Nichts anderes war zu erwarten. Und so ist dies eine bittere Bestätigung dafür, dass unsere Entscheidung, unter den gegebenen Umständen nicht länger als Lehrbeauftragte für die Universität Potsdam zu arbeiten, die richtige ist.

 

Seit dem Beginn unseres Engagements verstehen wir nicht, warum das Präsidium der Universität Potsdam sowie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur kein Interesse zu haben scheinen, sich offen mit uns und unserem Engagement für eine Verbesserung der Situation von Lehrenden und Studierenden an der Universität Potsdam zu solidarisieren. Ganz im Gegenteil. Nur mit massivem, öffentlichem Druck und unter allerhöchsten Anstrengungen ist es uns gelungen, überhaupt den Ansatz einer Dialogbereitschaft auf der Seite unserer Adressat*innen herzustellen.

 

Schlussendlich haben die unverändert schlechten Arbeitsbedingungen als Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam sowie die Marginalisierungsstrategie im Umgang mit unserem Engagement Erfolg gezeigt: Wir sind weder bereit noch in der Lage, unter diesen Bedingungen länger für die Universität Potsdam zu arbeiten. Uns ist klar geworden: Die umfassenden Reformen, die nötig sind, um die Situation für Lehrende und Studierende nachhaltig zu verbessern, müssen wir über andere Wege und an anderer Stelle einfordern. Es reicht.