PERSPEKTIVEN

Perspektive für die Lehrbeauftragung: Mentalitätswandel!

Von Dr. Christine Teichmann (Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam)

Wie ist es derzeit um das wissenschaftliche Personal – den Leistungsträger unserer Universitäten und Hochschulen - bestellt? Ein Blick auf die Ergebnisse einer im Herbst 2010 veröffentlichten DHV-Umfrage[1] gibt Auskunft und bietet dabei wenig Überraschendes – zumindest für diejenigen, die an einer Hochschule tätig sind. Dort heißt es u.a., dass „... in der überwiegenden Zahl der Bundesländer (Lehraufträge) für einen durch hauptberufliche Kräfte nicht gedeckten Lehrbedarf erteilt werden (können).“ Soweit zur gesetzlichen Grundlage und den potenziellen Möglichkeiten, einen „nicht gedeckten Lehrbedarf“ an einer Universität zu kompensieren.

Wie sieht das aber in der Realität aus? In dem erwähnten Beitrag über die DHV-Umfrage heißt es zunächst lapidar, dass „der Lehrauftrag .... der Arrondierung des Lehrangebots und der engeren Verklammerung mit der beruflichen Praxis (dient).“ Das trifft es m.E. insofern nicht ganz, da man in dieser Definition eher die Vergangenheitsform  (also: diente) benutzen sollte. Ein Lehrauftrag ist heute vielmehr eine gängige Praxis in der akademischen Ausbildung, um angesichts ständig wachsender Studierendenzahlen bei bestenfalls stagnierenden Zahlen an hauptamtlich Lehrenden und unzureichender Alimentierung der Hochschulen durch den Staat  Lehre überhaupt auf einem bestimmten Niveau noch aufrecht zu erhalten. Dies belegen u.a. Ergebnisse aus der DHV-Umfrage: An der Universität Augsburg gibt es 3 Mal mehr Lehrbeauftragte als Professoren. Spitzenreiter unter den dort befragten Universitäten ist die Universität Köln mit 4.000 Lehraufträgen! Leider liegen zur Universität Potsdam keine konkreten Angaben vor.

Angesichts dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass so manche Lehrbeauftragungen unter dem Verdacht stehen, dass reguläre Lehraufgaben, die eigentlich von Professoren und festangestellten Mitarbeitern zu übernehmen wären, an Lehrbeauftragte delegiert werden – und das für weitaus weniger Geld im Vergleich zu den Gehältern, die lehrende Mitarbeiter in einem Anstellungsverhältnis an der Universität beziehen!  Gegen das „Delegieren von Aufgaben aus Not“, da nicht genügend hauptamtliche Lehrkapazität vorhanden ist, ist prinzipiell nichts einzuwenden. ABER: Weshalb geschieht das zu ausgesprochenen „Dumpingpreisen“, die in keinem realistischen Verhältnis zur erbrachten Leistung der Lehrbeauftragten stehen? Begründet wird die inadäquate Vergütung mehrheitlich mit der oben angeführten Definition des Lehrauftrages – einer längst überholte Auffassung, der zufolge es sich ja (nur) um eine „Arrondierung des Lehrangebots“ und für den Lehrbeauftragten auch nur um eine Nebentätigkeit handeln würde, da er ja auseichend Einkünfte aus seiner beruflichen Haupttätigkeit beziehen würde. In der Mehrheit der Fälle entspricht das schon seit langem nicht mehr der Realität. Vor allem in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern sind es nicht beruflich etablierte und anerkannte Fachkräfte,  die das grundständige Lehrangebot ergänzen, sondern es sind gut ausgebildete, hochmotivierte junge, aber auch „gestandene“ Akademiker ohne festes Anstellungsverhältnis – die meisten ohne ein existenzsicherndes Einkommen. Lehrbeauftragte sorgen in diesen Fächern häufig dafür, dass das reguläre Lehrangebot überhaupt erst garantiert werden kann.

Das „Geheimnis guter Lehre“[2] ist nach Auskunft von Dr. Grünewald die „forschungsbasierte Lehre“. Dem ist unbedingt zuzustimmen – ABER: Im universitären Alltag ist es nach wie vor so, dass der Forschung gegenüber der Lehre der Vorrang eingeräumt wird. Noch immer ist es so, dass der Mitarbeiter für eine wissenschaftliche Karriere an der Hochschule hart um die Anerkennung der scientific community kämpfen und durch Forschungsleistungen überzeugen muss. Um die Anerkennung der Studenten durch gute Lehre zu kämpfen, ist dagegen etwas, das (bislang) für die akademische Karriere kaum von Bedeutung ist. Und folgerichtig wird Lehre von den wissenschaftlichen Mitarbeitern häufig als „unliebsame Nebenbeschäftigung“ gesehen. Dr. Grünewald spricht in diesem Zusammenhang von einem „Reputationsgefälle zwischen Forschung und Lehre“. Und dies äußert sich nicht nur darin, dass Lehre von den Mitarbeitern möglichst auf ein Minimum reduziert wird, sondern vor allem auch im Umgang der Universität mit denjenigen, die das grundständige Lehrangebot in vielen Fachbereichen erst ermöglichen – den Lehrbeauftragten.

Das derzeitige Verhältnis der (hauptamtlichen) Hochschulakteure zu den Lehrbeauftragten ist zum einen dem Festhalten an einer längst überholten Auffassung von Lehrbeauftragung geschuldet, die nichts mehr mit einer modernen Universität zu tun hat, die sich die „forschungsbasierte Lehre“ zu ihrem Leitbild auserkoren hat. Und zum anderen ist es eine Folge des nach wie bestehenden „Reputationsgefälles zwischen Forschung und Lehre“. Erst wenn sich diese Situation ändert, wenn es zu einem Mentalitätswechsel an den Hochschulen kommt, d.h. Forschung und Lehre tatsächlich gleichberechtigte Bestandteile einer akademischen Karriere  sind, wird sich die Einstellung zur Lehre und damit auch zur Tätigkeit der Lehrbeauftragten  ändern! Es bleibt nicht viel Zeit, diesen dringend notwendigen Mentalitätswechsel in Angriff zu nehmen, denn der Wettbewerb um die Studierenden hat längst begonnen und wird primär über die Qualität der Lehre entschieden. Und exzellente Lehre  wird auf Dauer und in Zukunft nicht(mehr)  zu „Dumpingpreisen“ zu realisieren sein!



[1]Michael Hartmer (2010): Struktur des wissenschaftlichen Personals an Universitäten. Ergebnisse einer DHV-Umfrage, in: Forschung & Lehre 10/2010, 712-715

[2] Expertengespräch des Stifterverbandes. Interview mit Thomas Grünewald „Das Geheimnis guter Lehre“, unter: http://www.exzellente-lehre.de/videos/gruenewald/index.html (letzter Zugriff: 10.02.2011)