„Exzellente Lehre speist sich nicht aus Hungerlöhnen“[1]

 

Von Sabine Volk & Michael Bahn


Quo vadis, „Bildungsrepublik Deutschland“? Während in den Medien breit diskutiert wird, ob das Plagiieren unseres von Geburt her äußerst wohlsituierten Verteidigungsministers als Kavaliersdelikt zu gelten habe, oder nun doch als Betrug zu werten sei, kämpfen an der Universität Potsdam rund 400 prekär beschäftigte Lehrbeauftragte mit Hilfe von  1.282 unterstützenden Unterschriften für eine Verbesserung ihrer Arbeitssituation. Die Promovierenden und promovierten Dozent*innen bekommen als Lehrbeauftragte durchschnittlich sittenwidrige 4,80 Euro pro tatsächlich geleistete Arbeitsstunde, wenn sie nicht sogar unbezahlt unterrichten. Sittenwidrig ist diese inadäquate Bezahlung deshalb, weil Mitarbeiter*innen desselben Qualifikationsniveaus in Angestelltenverhältnissen für dieselbe Tätigkeit als Lehrende um vieles besser bezahlt und zudem sozial abgesichert werden.

Durch die von der Landesregierung beschlossenen Einsparungen und Kürzungen im Bildungsbereich wird die Ökonomisierung der Universität Potsdam weiter zunehmen und die Aussicht auf Stellen für Nachwuchswissenschaftler*innen wird immer mehr davon abhängen, welche Studiengänge von der freien Wirtschaft als förderungswürdig erachtet werden. Wenig drittmittelstarke Fachbereiche werden bei steigender Studierendenzahl und gleichzeitiger Reduzierung der festen Mitarbeiter*innenstellen in zunehmendem Maße auf die Arbeit prekär Beschäftigter – insbesondere auch Lehrbeauftragter – angewiesen sein, um das Lehrangebot abzudecken. Die Ausbeutung von Akademiker*innen, die bereits jetzt ein unerträgliches Ausmaß angenommen hat, wird ihren Lauf nehmen.

Deshalb möchte die Initiative IntelligenzijaPotsdam mit Hilfe der 1.282 Unterschriften von


- Professor*innen, Mitarbeiter*innen, Lehrbeauftragten und Studierenden aus allen Fakultäten und nahezu allen Fachbereichen der Universität Potsdam

- dem AStA sowie der VeFa (Versammlung der Fachschaften) der Universität Potsdam

- Mitgliedern der GEW

- solidarischen Menschen aus ganz Deutschland


dieser Ausbeutung jetzt ein Ende setzen!

 

Wir wenden uns mit unseren konkreten Forderungen an das Brandenburgische Wissenschaftsministerium und somit an die ehemalige Universitätspräsidentin Sabine Kunst. Gleichzeitig geht von den 1.282 Unterschriften ein Appell an alle Menschen in unserer „Bildungsrepublik“ aus:

Es ist eine Schande, dass engagierte, kluge Menschen, die kleine Kinder haben – oder gerne hätten, wenn sie es sich leisten könnten –  und in tatsächlich mühsamster Kleinstarbeit und vielleicht auch ohne finanzielle Absicherung – nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben eine Doktorarbeit geschrieben haben oder gerade noch schreiben, für ihre Lehrtätigkeit mit einem „Aufwandstaschengeld“ abgespeist werden. Es muss deshalb kurzfristig die Situation der Lehrbeauftragten gemäß den in der Petition aufgelisteten Forderungen verbessert werden. Langfristig muss der Bigotterie in Sachen "Bildungsrepublik" endlich ein Ende gesetzt werden. Wenn uns die Causa Guttenberg eine Sache lehrt, dann, dass "mehr Schein als Sein" nicht aufgeht. Zuletzt in der Bildung, die für die Zukunft unseres Landes über alle politische Couleur hinweg unbestritten von essentieller Bedeutung ist.  

 


[1] Dieses Zitat stammt aus den Kommentaren zur Petition.

 

9. Mai 2011: Die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg antwortet auf unsere Petition vom 2. März 2011:

Schreiben Ministerium
AntwortWissenschaftsministerium9Mai.pdf
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24. März 2011: Ministerin Kunst antwortet während einer Plenarsitzung auf Fragen zu Petition und Initiative:

"Jürgens (DIE LINKE):

Auf Initiative einer Gruppe von Lehrbeauftragten an der Universität
Potsdam, die sich „Intelligenzija Potsdam“ nennt, wurden
in den letzten Wochen Unterschriften für eine Verbesserung
der Situation von Studierenden und Lehrenden gesammelt.
Diese Petition, die vier zentrale Forderungen enthält, ist
von über 1 200 Menschen unterschrieben und am 2. März bei
der Landesregierung eingereicht worden.
Ich frage die Landesregierung: Wie bewertet sie dieses Anliegen?


Präsident Fritsch:
Frau Ministerin Kunst wird antworten.


Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur
Prof. Dr.-Ing. Dr. Kunst:
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr Abgeordneter
Jürgens, es ist zutreffend, dass im Ministerium für Wissenschaft,
Forschung und Kultur der von Ihnen angesprochene
Forderungskatalog eingegangen ist. Ihm ist eine große Anzahl
von Unterschriften beigefügt; über den Daumen gepeilt stimmt
die genannte Zahl. Der Forderungskatalog wie auch die beigefügten
Materialien werden zurzeit in meinem Ministerium
gründlich geprüft. Wir nehmen das, was die Petenten geschrieben
haben, ernst. Nun werden Sie sich fragen, was das konkret
bedeutet. Eine Möglichkeit ist, sich die zur Novellierung anstehende
Kapazitätsverordnung auch unter dem Blickwinkel der
Forderung der Initiative noch einmal anzuschauen sowie - das
ist ja eine sehr konkrete Forderung - Maßnahmen für eine Flexibilisierung
der Vergütungssätze für Lehrbeauftragte zu prüfen.
Dabei muss man wissen, dass diese Vergütungssätze jeweils
aus den Budgets der Hochschulen zu erbringen sind. Diese
beiden von mir angeschnittenen Thematiken sind dezidiert
von den Petenten angesprochen worden.
Grundsätzlich muss man sich aber auch darüber im Klaren
sein, was Lehrbeauftragte im Hochschulsystem sind. Es ist mir
wichtig, darauf hinzuweisen, dass es die Funktion von Lehrbeauftragten
ist, das Angebot der Hochschulen sinnvoll zu ergänzen,
und zwar dezidiert um Kenntnisse und Erfahrungen aus
der beruflichen Praxis, um diese Erkenntnisse in die Lehre einfließen
zu lassen. Sie sind also nicht dazu da, eine Grundversorgung
zu gewährleisten. Sie sind von der Systematik nebenberufliches
wissenschaftliches oder künstlerisches Personal -
deswegen sind die Sätze so, wie sie sind - und gehen im Hauptberuf
einer anderen Erwerbstätigkeit nach, zum Beispiel in der
Gesellschaft, der Wirtschaft oder der Politik. Wie dem auch sei.
Neben dieser grundsätzlichen Bemerkung möchte ich Ihnen sagen,
dass eine umfassende Bewertung der Zuschrift in Arbeit ist.
Ich bitte um Ihr Verständnis, dass meine erste Reaktion etwas
grundsätzlicher Natur ist. Die Antwort an die Petenten ist in Vorbereitung.
Mein Hinweis, dass die Mai-Sitzung des Ausschusses
für Wissenschaft, Forschung und Kultur zur Unterrichtung und
Erörterung genutzt werden kann, ist sicherlich sachdienlich. Es
dient der angemessenen Bearbeitung dieser Petition.


Präsident Fritsch:
Dennoch gibt es Nachfragebedarf. Herr Jürgens.


Jürgens (DIE LINKE):
Danke, Frau Ministerin, für die ausführliche Antwort und auch
für die Ankündigung; damit hat sich meine erste Frage erledigt.
Ich habe eine zweite: Würden Sie die Einschätzung der Initiatoren
teilen, dass an einigen Hochschulen, gerade an der Universität
Potsdam, Lehrbeauftragte als Kapazitäten für die grundständige
Lehre genutzt werden, und nicht, wie Sie es richtigerweise
ausgeführt haben, lediglich eine Ergänzung darstellen?


Ministerin Prof. Dr.-Ing. Dr. Kunst:
Es ist immer die Frage, mit welchen Mitteln man was im Detail
voranbringen muss, sodass es sicherlich nicht an allen Ecken
der Hochschulen ausgeschlossen ist, dass Lehrbeauftragte temporär
für die grundständige Lehre eingesetzt werden. Es wäre
nicht integer, etwas anderes zu behaupten. Als Grundeinschätzung
gilt, dass die Versorgung in Brandenburg gut ist, was den
Bestand an festem Personal für die grundsätzlichen Aufgaben
in Forschung und Lehre angeht. Lehraufträge zusätzlich zu übernehmen
ist aber auch immer ein erster Karriereschritt. Insofern
ist es ein zweischneidiges Schwert, zu entscheiden, an welcher
Stelle man richtet und an welcher Stelle man sich auch im Sinne
der Lehrbeauftragten wertschätzend Stundensätze noch einmal
anschaut, sofern man es sich leisten kann. Das ist immer
die Frage. Man kann jeden Euro nur einmal verteilen."

 

(Landtag Brandenburg - 5. Wahlperiode - Plenarprotokoll 5/33 - 24. März 2011 2657
2658 Landtag Brandenburg - 5. Wahlperiode - Plenarprotokoll 5/33 - 24. März 2011)

Plenarprotokoll
33.pdf
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Was ist eine (Online)Petition?

"Eine kleine Geschichte der Online-Petition" von Hilmar Schmundt

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,641904,00.html

Kommentare der Unterzeichner*innen

Antworten auf die Frage: "Warum ist Ihnen das Thema wichtig?"

 

"Bildung ist für mich das wichtigste Gut, das ich besitze. Versteht man, wie die Dinge

funktionieren, ist man auch in der Lage, sie gegebenenfalls zu verändern. Hört man auf,

gegen Missstände anzukämpfen, hat man auch aufgehört zu leben und fügt sich nur

noch als leere, ohnmächtige Körperhülse in die Maschinerie ein, in der traurigen

Erwartung auf den Tod.

 

Als Student ist es nicht nur wichtig selbst etwas für das Studium zu tun,

sondern auch, dass der Dozent seine Sache gerne macht. Mit wieviel Eifer

er auch dabei ist - wenn er nicht adäquat entlohnt wird, schlägt sich das

auch auf sein Seminar wieder. Das kann und darf jedoch nicht sein!


Beim Thema "Billiglohn" denkt man immer gern an geldgierige, verantwortungslose

Manager. Deshalb finde ich es wichtig, die Aufmerksamkeit auch auf die Bereiche

zu lenken, in denen der Staat selbst Arbeit nicht angemessen entlohnt, also selbst

ausbeuterisch tätig ist.


Weil Bildung ein wertvolles Gut ist und diejenigen, die sie weitergeben,
angemessen dafür entlohnt werden sollten.

Es ist einfach unfair, wenn Leute, die qualitativ hochwertige Arbeit leisten, die

versuchen, andere für ihr Forschungsthema zu begeistern und auf die Erfahrungen

angewiesen sind, so wenige Rechte zugesprochen bekommen. Vor 20 Jahren

hätten sich die Schnösel, die heute die Situation schaffen, darüber aufgeregt,

wenn so mit den Lehrbeauftragten umgegangen worden wäre - denn da waren

sie selbst noch betroffen! Auch heute noch braucht die Gesellschaft die

Nachwuchswissenschaftler aus ALLEN Bereichen - Naturwissenschaften,

Humanwissenschaften,... UND Geisteswissenschaften. Man sollte nicht alles an

den Drittgeldern festmachen. Die Fassade kann noch so schön sein - wenn die

tragenden Säulen brechen, fällt alles.


Als Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam unterstütze ich die Petition, denn

es kann nicht sein, dass eine Universität, die sich in ihrem Leitbild explizit für eine

"Verbesserung der forschungsbasierten Lehre" ausspricht, versucht, dies in großem

Umfang über prekäre Arbeitsverhältnisse umzusetzen, unter denen die Mehrheit

der hochmotivierten und hochqualifizierten Lehrbeauftragten tätig ist!


Das Thema ist aus folgenden Gründen für mich wichtig: 1. Gewährleistung eines

vielfältigen Angebots an Seminaren und die Möglichkeit neuer Methoden.

2. Entlastung der aktuell Dozierenden und bessere Verteilung der Studierenden

auf mehrere Kurse, um Massenseminare mit 100 Studierenden zu vermeiden.

3. Sicherung zukünftiger Berufsaussichten für die Akademische Laufbahn an

der Universität Potsdam.

 

Es kann nicht sein, dass Lehrende mit Hungerlöhnen und ohne jede rechtliche

Absicherung abgespeist werden, nur weil Universitäten und Ministerien meinen

sie könnten am wichtigsten, was Hochschule unserer Gesellschaft zu bieten hat -

der Lehre - sparen und glauben den Konkurrenzdruck, der scheinbar zu

unsolidarischem Handeln zwingt ausnutzen. Lasst uns zusammenstehen und

dieser Politik der Vereinzellung damit ein Ende setzen!

 

Weil eine vernünftige Entlohnung und Entlastung der Lehrenden sich positiv auf

die Qualität der Unterrichte und der Lehratmosphäre auswirkt.


Die Bildung sollte höhere Priorität erfahren. Der Wissenschaftsstandpunkt Deutschland

baut sich sonst mehr und mehr selber ab. In einer verteilten qualitativen Bildung

liegt der Schlüssel für eine inovative Verbesserung sozialer Ungerechtigkeiten.

 

Aus persönlicher Anschauung kann ich die Bezahlung und Behandlung der Lehrenden

an der Uni Potsdam nur als vollkommen inadäquat und, ja, unwürdig, bezeichnen.

Von wegen: Bildung, Lehre etc. genießen einen hohen Stellenwert - das tun sie

offensichtlich nicht.

 

Es geht darum, jungen Menschen, die mit Qualifizierungsarbeiten beschäftigt sind, auch

die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten in der akademischen Lehre auszuprobieren.

Nur diese Verbindung garantiert nicht nur hochmotivierten, sondern auch kompetenten

wissenschaftlichen Nachwuchs, dem Forschung und Lehre als Einheit nicht nur Floskel ist.


Lehrende und Lernende müssen sich gemeinsam gegen diese systematische

Umwandlung unserer Uni zu einer profitträchtigen Lernfabrik einsetzen."