Wer wir waren

 

Die IntelligenzijaPotsdam war eine von Sabine Volk, M.A. und Michael Bahn, M.A. im Herbst 2009 gegründete Initiative zur Verbesserung der Situation von Lehrenden und Studierenden an der Universität Potsdam. Ihr Ziel war es, den sich immer stärker ausprägenden Widerstand gegen die Missstände in Lehre und Forschung zu bündeln, der Bewegung eine gemeinsame Plattform zu geben und zusammen mit den Betroffenen an der Universität, den gewerkschaftlichen Vereinigungen und den zuständigen (Hochschul-) Politiker*innen Lösungskonzepte zu erarbeiten und umzusetzen.

 

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Der Name unserer Initiative spielt auf die gleichnamige russische Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts an, die einen offenen Intelligenzija-Begriff vertrat, welcher sich nicht am (beruflichen) Status, sondern an der aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben orientierte.

Exzellente Lehre zu Dumpingpreisen

Offener Brief von Sabine Volk und Michael Bahn, erschienen in "Forschung & Lehre", April 2010

 

Es gibt eine fortschrittliche, westliche Industrienation, im Herzen der Europäischen Union gelegen, deren Regierende immer wieder betonen, wie wichtig doch gerade die Bildung für die Zukunft ihres Landes sei. Die Parole „Gute Arbeit muss gut bezahlt werden“ geht einher mit der öffentlich geäußerten Überzeugung „Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft!“.

 

In diesem Land gibt es nun Universitäten, in welchen mithin die klügsten Köpfe der Nation zu Spitzenkräften verschiedenster Fachrichtungen ausgebildet werden sollen. „Exzellenz“ lautet die Devise. Ein Blick auf die Personalausstattung an deutschen Universitäten lässt erkennen: Die Anzahl der Beschäftigten in der Personalkategorie „Lehrbeauftragte“ ist seit 1999 laut Statistischem Bundesamt um fast 50 Prozent gestiegen, während die Anzahl der Professuren, bei gleichzeitigem Rückgang von (Fest-)Anstellungen im sogenannten „akademischen Mittelbau“, nahezu stagnierte. Ein Blick auf die Personalausstattung in Brandenburg wiederum  bestätigt diesen Trend nicht nur, sondern geht weit über ihn hinaus: Nachdem das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg an Brandenburgs Hochschulen 1999 noch 704 Lehrbeauftragte zählte, so waren es 2008 mit 1331 fast doppelt so viele. Die Universität Potsdam, deren Lehrbeauftragte wir aktuell sind,  konnte 1999 noch 253, im vergangenen Jahr 2009 dagegen 344 Lehrbeauftragte verzeichnen. Das ist nicht gerade ein verschwindend geringer Anteil, hält man dieser Zahl die der 219 Professorinnen und Professoren entgegen, die im selben Jahr an der Universität Potsdam lehrten und forschten. 

 

Für die Exzellenz in der Lehre, die ja so dringend gefordert wird, sind also – der Statistik nach – immer mehr Lehrbeauftragte zuständig, die in steigendem Maße auch das Pflichtlehrprogramm der Universitäten bestreiten. Das für sich genommen ist noch kein Skandal, auch wenn die Personalkategorie „Lehrbeauftragte“ ursprünglich dafür vorgesehen war, das grundständige Lehrangebot dort zu ergänzen, wo Expertinnen und Experten aus der beruflichen Praxis gefragt sind.

 

Wir wollen Ihnen am Beispiel des Instituts für Germanistik der Universität Potsdam illustrieren, in welcher Situation wir Lehrbeauftragten uns heute befinden: Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Potsdam erhalten für ein Proseminar, in dessen Rahmen sie sechs Monate lang an der Universität beschäftigt sind, eine einmalige Zahlung von 540 Euro. Inoffiziell sind mit dieser Einmalzahlung 30 Stunden Lehre im Semester, mindestens 15 reguläre Sprechstunden, Vor- und Nachbereitungszeiten sowie die Bewertung von Klausuren, mündlichen Prüfungen oder Hausarbeiten abgegolten. Offiziell bezahlt werden ausschließlich die 30 Lehrstunden. Die maximale Teilnehmerzahl für ein Proseminar sind 60 Studentinnen und Studenten. In einem Fach wie der Germanistik ist diese Zahl die Regel. Wagen wir uns nun daran, den offiziellen Stundenlohn für Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Potsdam zu errechnen und diesen mit dem inoffiziell tatsächlichen zu vergleichen. 

 

Das Ergebnis lautet: Der offizielle Stundenlohn beträgt 18 Euro pro abgehaltene Lehrstunde. Der inoffizielle Stundenlohn für die tatsächlich geleistete Arbeit liegt – mit Minimalaufwand gerechnet – bei 4,80 Euro pro Arbeitsstunde.

 

Wir Lehrbeauftragten erhalten somit für die exzellente Ausbildung der klügsten Köpfe unseres Landes sogar noch deutlich weniger als den gewerkschaftlich geforderten Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde. 

 

Wer sind wir, die wir uns so ausnutzen lassen? Wir sind Menschen mit hervorragenden Hochschulabschlüssen, ForscherInnen, WissenschaftlerInnen, viele von uns sind bereits promoviert. Manche von uns haben das „Glück“, aus wohlhabenden, akademisch geprägten Elternhäusern zu stammen, die die soziale Absicherung übernehmen; einige haben gut verdienende Ehepartner, die uns absichern oder wir können uns zumindest für eine gewisse Zeit durch das ein oder andere Stipendium finanzieren. Doch: Nicht wenige von uns sind auf das mickrige „Lehrbeauftragtengehalt“ angewiesen, viele leben von mehreren Lehraufträgen – die teilweise an verschiedenen Universitäten dieses Landes bestritten werden müssen – um auch nur einigermaßen überleben zu können. Die wenigsten von uns haben Familie. Wie sollten wir die auch ernähren? 

 

Die meisten von uns sind höchst qualifizierte und höchst engagierte heillose IdealistInnen. Nur deshalb kann diese Form der Ausbeutung überhaupt funktionieren. Wir lieben unseren „Beruf“, haben Spaß an der Lehre – auch wenn wir uns überwiegend nur vom positiven Feed-Back unserer Studentinnen und Studenten und der uns fördernden ProfessorInnen nähren können. Eines ist sicher: Wir alle wünschen uns feste Stellen an einer Universität, um unserem Beruf und unserer Berufung nachgehen zu können und dafür adäquat entlohnt und sozial abgesichert zu werden. 

 

Doch die Lage von uns Lehrbeauftragten an deutschen Universitäten, in unserem Fall an der Universität Potsdam, zeigt uns: Die „Bildungsrepublik“ Deutschland lässt ihre nachwachsende Intelligenz am ausgestreckten Arm verhungern. Wir, die wir uns höchst qualifiziert und höchst engagiert für die Absicherung der exzellenten Lehre in diesem Land einsetzen, sind nicht mehr lange gewillt und in der Lage, die unwürdige Entlohnung unserer Arbeit zu ertragen.